Über das Stricken

Wie ich nach Jahren wieder zur Handarbeit fand und trotz Fehlschlägen auch dabei blieb...

Schon als Kind habe ich mich gern mit Handarbeit beschäftigt. Das kam nicht von irgendwo her: Meine Oma, die selbst eine begnadete Handarbeiterin ist, brachte mir Stricken, Nähen, Sticken und Häkeln bei. All das, während ich mein vielen Ferien bei ihr und Opa verbrachte.
Ich liebte es, dazusitzen und mich auszuprobieren. Und meine Oma lies mich. Gab mir wertvolle Tipps und führte mich ein, in die Welt des Selbermachens.

Viele Jahre später hatte ich das meiste davon wieder vergessen. Und eines Tages stach es mich und ich wollte wieder stricken. Ich brauchte etwas echtes, eine Arbeit, die mich befriedigte, in dem ich am Ende ein Ergebnis in den Händen halte und sehe, was ich getan habe. Denn das fehlte mir oft, bei meiner täglichen Lohnarbeit.

Ich habe dazu einen schönen Beitrag im Netz gefunden, in dem heißt es:


Stricken führt uns zur Langsamkeit, es kennt keine Abkürzung, Hektik führt nur zu Verhedderungen.

Rythmische Wiederholungen einfacher Bewegungen, beruhigen unser Denken und das Zählen der Muster hält es dennoch wach. Das Stricken als meditativer Zustand und die Hingabe zu dieser Tätigkeit soll Stresshormone dämpfen. Es entstresst uns also nachweislich. (Quelle: https://www.psychologie-heute.de/gesundheit/artikel-detailansicht/39673-losgeloest-im-flow-der-nadeln.html)

Nun musste ich mir allerdings eingestehen, dass ich auf mich allen gestellt war. Oma war weit weg und ich saß vor unverständlichen Strickanleitungen, die mich in dem Moment, als ich sie in die Hand nahm, fast schon wieder demotivierten. All diese Zahlen und Abkürzungen….

Ich beschloss, einfach anzufangen, und zwar mit einem wortwörtlich „einfachen“ Projekt. Klar hatte ich Bock auf schöne Strickjacken, Mützen und schicke warme Socken, aber ein Schal schien mir als Beginnerstück sehr logisch. Ich kaufte eine Menge günstiger Wolle beim Discounter und legte los.

Mein Plan war es, einen langen breiten Schal zu stricken und dafür mehrere Stricktechniken zu kombinieren, die ich dadurch gleichzeitig lernte.

Ich kaufte mir ein gebrauchtes Buch über das Stricken und legte los. Und direkt bei der ersten Beschreibung stellte ich fest, dass ich weder verstand, was mir der Text sagen sollte, noch, was mir die eigentlich sehr detaillierten Bebilderungen klar machen wollten. Da wurde mir klar, wie wichtig es beim Lernen ist, dass man jemanden hat, der einen an die Hand nimmt, Fragen klärt und Fehler korrigiert.

Baby- oder Puppenkleidung ist ein überschaubares Projekt für den Anfang

Zum Glück gibt es Youtube. Jeder Begriff, den ich nicht verstand, jede Technik, wurde hier erklärt. Und so fing ich an, strickte mich von Abschnitt zu Abschnitt und hatte ziemliche Freude daran. Ich musste feststellen, dass einige der Strickmuster nicht so gut funktionierten und dass ich andere wiederum gar nicht gut beherrschte. Und das würde man meinem Schal auch ansehen. Ich beschloss dennoch, dass es mir nichts ausmachte, denn durch das Stricken lernte ich etwas, das ich vorher nicht sehr gut beherrschte: meinen Perfektionismus auszubremsen.

Also räufelte ich fehlerhafte Reihen nicht einfach wieder auf, ich nähte kleine Löcher am Ende einfach zu. Und so entstand ein Strickstück, das ich den gesamten Winter über mit Stolz trug. Meine Strickwut war entbrannt. Ich suchte mir weiter, schöne Strickmuster raus. Dazu gehe ich gern in die Bibliothek, wo einige Bücher mit schönen Ideen liegen. Tolle Vorlagen gibt es auch zu kaufen. Ich besorge sie am liebsten bei Etsy, da ich oft genaue Vorstellungen im Kopf habe. Ein Account, den ich liebe ist „Paulastrickt“. Ihre Modelle kosten nur wenig Geld, sind zeitlos, super erklärt und einfach zu stricken.

Nach und nach wagte ich mich an herausfordernde Aufgaben. Was mir dabei auffiel war, wieviel ich über Wolle und ihre Herkunft lernte: Welche Wollarten es gibt und womit man noch stricken kann, wie man alles behandelt und warum manche Wolle pikst. All das lerne ich quasi nebenbei, weil ich in dieser Art der Handarbeit aufgehe, Freude daran habe und wirklich mit Hingabe stricke.

Die Anleitung für das Jäckchen (rechts) fand ich in einem Buch aus der Bücherei

Und so entstehen nun nach und nach diverse Tücher, Jacken, Babyjäckchen, Pullover und Socken. Und ich habe eine Beschäftigung gefunden, die mich nach einem Tag voller kreativer Prozesse und Hirnarbeit jedes mal runter holt. So sitze ich nun Abend für Abend und stricke – und wenn es nur ein-zwei Runden sind. Das Stricken entspannt mich und gibt mir das schöne Gefühl, meine eigene Kleidung zu erschaffen. Etwas, das in unserer heutigen Zeit so besonders und wertvoll geworden ist. Wie auch immer die Stricksachen am Ende aussehen, ob ich handwerklich zufrieden bin, oder doch noch das ein oder andere Loch zunähen muss – ich trage sie immer wieder mit Stolz.

Das Stricken schenkt mir Bewusstheit für unterschiedliche Materialien und ihre Herkunft
Vielleicht fühlst du dich jetzt motiviert, selber auch los zu legen und in eine meditative Handarbeit einzutauchen. Go for it! Heute ist der beste Tag, um damit anzufangen.

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